11. August 2021

Leben auf der Straße: Die Schuhputzer von La Paz

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La Paz, Bolivien: Dick vermummt trotz Temperaturen von weit über 20° C sitzt ein Jugendlicher auf einer Straße, angelehnt an eine Steinmauer und wartet auf seinen nächsten Kunden. Vor ihm sein wichtigstes Werkzeug: Eine Holzkiste mit verschiedenen Schuhcremes und Bürsten. Diese braucht er um bis zu zehn Stunden am Tag seiner Arbeit nachzugehen und Schuhe anderer zu säubern und zu polieren. Nur wenn er zwischen 30 und 40 Schuhpaare pro Tag putzt, reicht der Lohn, um die Ausgaben für seine Ausstattung zu bezahlen und zusätzlich noch ein wenig Geld anzusparen. Geld, das er so sehr benötigt, um sich eine Ausbildung zu finanzieren, die ihm ein besseres Leben verspricht.

Er möchte unerkannt bleiben, denn das Schuhputzen gilt in Bolivien als eine der niedrigsten Arbeiten. Wer als sogenannter ‚Lustrabota‘ arbeitet, hat weder Anspruch auf eine Rente noch auf eine Krankenversicherung. Arztbesuche und medizinische Versorgung sind daher für diese Berufsgruppe kaum möglich und mit hohen Kosten verbunden. Um nicht dem Gespött der Freunde und Bekannten ausgesetzt zu sein, vermummen sie sich – wie der Junge an der Steinmauer – mit Sturmhaube und Schal.

Tatsächlich gibt es in Bolivien geschätzt über 35.000 Menschen, die sich als Schuhputzer ihr tägliches Brot verdienen. Ihre Präsenz wird häufig mit Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch und Diebstahl assoziiert; der Grund weshalb sie in der Gesellschaft einen so schlechten Ruf haben. Diese Vorurteile stammen jedoch noch aus der Vergangenheit, als tatsächlich die meisten Schuhputzer Obdachlose waren, die versucht haben ihr Leben mit Klebstoff schnüffeln und Alkoholkonsum etwas angenehmer zu gestalten. Heute ist dies jedoch kaum noch der Fall: Viele von ihnen sind Familienväter oder Jugendliche, die so das Einkommen ihrer Familie sichern oder etwas dazu verdienen wollen. Leider gibt es aber auch immer noch viele Straßenkinder, die auf diese Art und Weise an ein wenig Geld zum Leben und Überleben kommen wollen.

Aber nicht nur die soziale Abgrenzung stellt diesen Berufstand  vor große Herausforderungen, sondern auch die Abhängigkeit von Wind und Wetter, sowie der zeitlich stark schwankenden Nachfrage. Bei Regen zum Beispiel, gibt es kaum Arbeit für die Schuhputzer und auch am Wochenende sind weniger Kunden unterwegs. Hinzu kommt ein neuer ‚Modetrend‘: Immer mehr Menschen tragen Turnschuhe, und Turnschuhe müssen nicht geputzt werden. Das verschlechtert die monetäre Lage der Schuhputzer und bedeutet in manchen Fällen eine existentielle Bedrohung.

Zu der negativen gesellschaftlichen Stellung kommen daher aktuell noch große finanzielle Zukunftssorgen. Eine der größten Ängste unter den Schuhputzern ist dabei der Ausfall durch Krankheit: Jeder Tag, jede Stunde an dem sie nicht einsatzfähig sind, bedeutet weniger Einkommen. Da außerdem keine Krankenversicherung besteht, ist eine Behandlung von Beschwerden immer mit zusätzlichen Kosten – und somit weiteren finanziellen Einbußen – verbunden.

Die Artemed Stiftung hilft daher im Rahmen des ‚Street Doctors‘ – Projekt insbesondere Kindern und Jugendlichen, die als Schuhputzer arbeiten, wenn medizinische Versorgung nötig ist. Bei dem Projekt handelt es sich um drei fahrende Kinderpraxen mit einem Team bestehend aus Ärzten, Zahnärzten und Sanitätern, das sich kostenlos um das physische und psychische Wohl von Kindern kümmert. Ins Leben gerufen wurde es von einem deutschen Pfarrer, der 1993 nach La Paz auswanderte und beschloss Bedürftigen zu helfen.

Die Teams der Artemed Stiftung besuchen auch regelmäßig Unterkünfte, in denen sich viele der Lustrabotas aufhalten und dort teilweise auch leben. Die Bewohner werden bei Beschwerden unentgeltlich behandelt und mit Medikamenten versorgt. Auf diese Art und Weise wird die Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit der Minderjährigen verkürzt und somit der Verdienstausfall reduziert. Ein kleiner Beitrag dazu, den Jugendlichen ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft und auf eine Ausbildungsmöglichkeit zu erhalten.

 

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